Sudan: Wegsehen ist keine Option mehr. Das Morden muss gestoppt werden
Deutscher Bundestag / Juliane Sonntag / photothek
Gastbeitrag von Adis Ahmetović, MdB, und Jürgen Coße, MdB:
Sudan: Wegsehen ist keine Option mehr. Das Morden muss gestoppt werden!
Während die Welt auf andere Krisen blickt, eskaliert im Sudan eine der schlimmsten humanitären Katastrophen unserer Zeit – weitgehend unbeachtet.
Drei Jahre nach Beginn des jüngsten Krieges zählt das Land schätzungsweise 150.000 Tote. Was als Bruch einer Zweckallianz zwischen der sudanesischen Armee und den Rapid Support Forces begann, ist längst zu einem systematischen Krieg gegen die eigene Bevölkerung geworden. Zwei Drittel der Menschen – rund 33 Millionen – sind heute auf humanitäre Hilfe angewiesen. Millionen hungern, Millionen sind auf der Flucht. Ein ganzes Land liegt in Trümmern
Das ist kein klassischer Bürgerkrieg. Es ist organisierte Gewalt gegen Zivilisten. Humanitäre Hilfe wird gezielt blockiert, Hunger bewusst als Waffe eingesetzt. Der Konflikt trägt inzwischen offen genozidale Züge. Besonders deutlich wurde dies bei den Massakern in Darfur, bei denen Milizen gezielt nicht-arabische Bevölkerungsgruppen angriffen. Gewarnt wurde früh – gehandelt wurde kaum. Das Problem ist nicht Unwissen. Das Problem ist fehlender politischer Wille.
Ein sofortiger Waffenstillstand ist überfällig – einer, der tatsächlich schützt und humanitären Zugang garantiert. Doch genau das ist kompliziert: Zentrale Akteure, die vermitteln sollten, sind selbst Teil des Konflikts. Ägypten, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate – gemeinsam mit den USA Teil der sogenannten „Quad“ – sind direkt involviert. Regionale Mächte liefern Waffen, Geld und politische Rückendeckung. Neutralität existiert faktisch nicht mehr.
Der Sudan ist längst ein regionaler Stellvertreterkrieg. Gleichzeitig haben die Konfliktparteien selbst kein Interesse an Frieden. Sie setzen weiter auf militärische Lösungen – getragen von einer florierenden Kriegsökonomie, die den Konflikt am Laufen hält. Ein ernsthafter politischer Prozess unter Einbindung der Zivilgesellschaft ist derzeit nicht in Sicht. Wer Frieden will, darf den Krieg nicht weiter finanzieren.
Genau hier liegt die Verantwortung der internationalen Politik. Ihre Widersprüche müssen beendet werden. Es reicht nicht, humanitäre Hilfe zu fordern und zugleich aus diplomatischer Rücksichtnahme gegenüber kriegsbeteiligten Staaten zu schweigen. Waffenlieferungen müssen gestoppt und konsequent sanktioniert werden – insbesondere dort, wo sie den Konflikt maßgeblich befeuern.
Das UN-Waffenembargo darf nicht länger auf Darfur beschränkt bleiben. Es muss auf den gesamten Sudan ausgeweitet werden. Auch europäische Regelungen müssen endlich konsequent durchgesetzt werden – einschließlich der Kontrolle von Weiterleitungen. Staaten, die Waffen liefern, können keine glaubwürdigen Friedenspartner sein.
Die Gefahr reicht längst über den Sudan hinaus. Am Horn von Afrika und am Roten Meer verdichten sich die Konfliktlinien. Zwischen Äthiopien und Eritrea droht eine neue Eskalation – beide sind bereits indirekt involviert. Der Sudan ist damit nicht nur eine humanitäre Katastrophe, sondern ein geopolitischer Kipppunkt.
Wenn der Sudan weiter destabilisiert, droht eine ganze Region zu kippen – mit gravierenden Folgen für Sicherheit, Handelsrouten und letztlich auch für Europa. Migrationsbewegungen sind dabei noch nicht einmal eingerechnet. Stabilität im Sudan ist kein altruistisches Ziel, sondern liegt im strategischen Eigeninteresse.
Gerade deshalb darf der Sudan kein Randthema bleiben.
Die kommende Sudan-Konferenz in Berlin muss mehr sein als ein weiteres diplomatisches Ritual. Sie muss zum Wendepunkt werden: Mit echtem Druck auf externe Kriegsunterstützer, wirksamer Unterbindung von Waffenflüssen, gesichertem humanitären Zugang – und vor allem mit einer zentralen Rolle für die zivilen Kräfte des Landes.
Ohne politischen Mut bleibt jede Konferenz folgenlos. Der Sudan braucht jetzt nicht nur mehr Aufmerksamkeit – sondern entschlossenes Handeln.